Mo 11. Juni,  20.00 Uhr, ARGEkultur

In ‚Hausparty –  Episode 1‘ beziehen sich Fabre & Kasebacher offensichtlich auf Oswald Wieners Pfannen-Theorie. „Das ɳ-Ende von t ist ein steil schräg liegender Schatten oder Saum, der auf unkenntliche Art mit einem Hemmnis halbrechts unten außerhalb der Pfanne verbunden ist.“ (Oswald Wiener, in: ‚Selbstbeobachtung, Oswald Wieners Denkpsychologie‘, Hrsg. T. Eder, T. Raab, Berlin: Suhrkamp 2015, S.120) „So gelangen temporär etwa auch erinnerte oder phantasierte Eindrücke von Mimik und Gestik in die Pfanne, aber auch gestische Entsprechungen.“ In dieser Pfanne hier könnte man „den Sachverhalt der ‚Enge des Bewusstseins‘ unter funktionalen Aspekten dargestellt“ sehen. (ebd. S. 270, 370, 489). Nur, mir fehlt der Wunsch, es besser wissen zu wollen. Ich bin beseelt von dem Wunsch, immer nichts wissen zu wollen, jedenfalls wenn ich Housepartys beiwohne, in denen ständig gelacht, zumindest gelächelt, allenfalls gegrinst wird, was alles auf das gleiche hinausläuft. Keinesgleichen geschieht. An üben ist gar nicht zu denken. Vielleicht üben und an nichts denken. Ich bekomme eine vage Ahnung. Das wird noch ein Vorspiel haben! Das habe ich doch nur im Spaß gesagt!

 

Fabre & Kasebacher verstehen ihr Geschäft um den Humor (ital.: umore) „sowohl in dem materiellen Sinn von flüssigem Körper, Flüssigkeit, Feuchtigkeit oder Dampf als auch im Sinne von Phantasie, Laune oder Energie.“ (Luigi Pirandello, ‚Der Humor‘, Mindelheim: Sachon 1986, S. 8) Ob finstere oder fröhliche Laune, um Laune handelte es sich in jedem Fall. Fabre & Kasebacher treiben die rhetorische Figur des Umore auf die Spitze. „Rhetorik und Nachahmung sind im Grunde das gleiche.“ (ebd.: S. 47) In dieser Hinsicht ist das Stück nicht lediglich ein Reenactment einer britischen Fernsehshow der 60iger bis 90igerjahre, sondern steht unter dem Gesichtspunkt der Zweideutigkeiten und fröhlichen Missverständnisse auf zweiter Stufe als Spiegel da. Der Betrachter im Publikum erkennt in diesem sein Gesicht.

 

Fabre & Kasebacher,  Deborah Hazler und Gäste parodierten hier nicht nur den fremden Stil einer britischen Fernsehshow ‚Houseparty‘, sondern das Fremde an sich, bzw. das Fremde im Vertrauten. So bewegten sie sich durch die fast einem jeden vertraute Gestik und Mimik der Fernsehsprache wie durch ein Fremdwörterbuch. Die diesem entlehnten ‚Worte‘ führten sie wiederum in den gespielten Alltag ein usf. Das galt auch für die Speisefolge, die dem Publikum eingeführt wurde. „Du bleibst jetzt bis zum Schluss und isst alles auf“, ermahnte mich meine Sitznachbarin zu meiner Rechten. „Das Licht bleibt an, die Romantik bleibt aus“, flüsterte mir die zu meiner Linken ins Ohr. ‚Viel entlehnt, viel gelernt‘, könnte man leicht zum Motto dieser speziellen Form eines Reenactments erheben.

 

Und als endlich DJane Ornella Falko auflegte, war ich – das Werk eines einzelnen Mannes – beinahe geneigt, die Bühne zu stürmen, aber Martina Mühlfellner und Sarah Maria Kretschmer, zwischen deren Schenkeln eingeklemmt ich saß, drückten mich in meinen Sitz zurück, und das so rüde, dass ich den Eindruck hatte, mein frisch operierter Nabelbruch sei reaktiviert, ein sogenanntes Nabel-Reenactment. Wohin soll mein Herz sich nun wenden: nabel- oder kopfwärts? „Nabelschnüre besitzen die Macht, Staaten wachsen zu lassen“, tönte es aus Salman Rushdies ‚Satanischen Versen‘. Ob das auch für Stücke galt? „Sie hatte keinen Nabel. Schau. Bauch ohne Fell, schwanger schwellend, ein Rundschild aus strammem Velin, nein, weißgehäuftes Korn, aufstrahlend und unsterblich, dauernd von Ewigkeit zu Ewigkeit“, antwortete James Joyce aus seinem ‚Ulysses‘.

Schon entwickelte ich eine neue Art zu grinsen. Ich konnte beobachten, wie mein Bewusstsein und meine Einbildungskraft langsam in meinen Nabel hinab sanken und dort einsickerten. Allmählich begann ich zu verblöden, sodass ich mich und mein Urteil auf keine Weise und in keiner Hinsicht mehr ernstnehmen konnte. Ich bettete mein Haupt auf Martina Mühlfellners Schoß „und begann zu träumen, und siehe, da war eine Leiter auf die Erde gestellt, und ihre Spitze reichte an die Himmel; und siehe,“  Laia Fabre, Thomas Kasebacher und Deborah Hazler, Ornella Schlechmair und María Jesé Robles „stiegen daran auf und nieder.“ (Genesis XXXVIII 12) Schließlich sprach ich zu meinen Sitznachbarinnen zu meiner Rechten und zu meiner Linken: „‚Lasst mich doch die Säulen betasten, auf denen das Haus steht, und mich an sie lehnen.‘ Damit stemmte [ich mich] gegen die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus fest stand, und fasste sie an, die eine mit [meiner] rechten und die andere mit [meiner] linken Hand. […] Dann beugte [ich mich] mit Kraft, und so fiel das Haus.“ (Richter XVI, 26 – 30)

Als ich schließlich in der Dopplerklinik erwachte, zierte ein dicker Verband meine Mitte. Am Abend habe ich Freigang. Vom Nabel- bis zum Ehebruch ist’s nur ein Katzensprung. „Für einen Seitensprung ist’s nie zu spät“, sagt die Katze und springt. Springt nicht. Sie macht sich an die Nabelschnüre ihrer frisch geworfenen Jungen und frisst sie samt den Plazenten.