Sa 9. Juni, 20.00 Uhr, republic

Während der Vorstellung eine Frau hinter mir: „Da ist es ja voll heiß hier!“ „Haben die keine Klimaanlage?“ „Das ist ja wie in einer Sauna!“ „Das ist ja voll langweilig!“ „Wollen die, dass ich gehe?“ „Was ist denn das für eine Musik?“ „Soll ich gehen?“ Ich balle meine Fäuste und senke sie wieder in den Schoß. Ich machte eine Faust, bis man sie nicht mehr sah.

„Sehr oft betragen sich Männer auf eine Weise, bei der eine Betätigung der Gewalt durchaus möglich erscheint. An jeder Straßenecke sind Raufereien im Entstehen. Meist verlaufen sie im Sande“, schrieb Simone de Beauvoir 1949. „Es genügt dem Mann, in seinen Fäusten den Willen seiner Selbstbehauptung zu empfinden, damit er sich in seinem Herrentum anerkannt findet.“ Und an junge Frauen gewendet: „Viel deutlicher als in ihren ersten Jahren müssen sie darauf verzichten, sich über die gegebene Welt hinaus zu erheben, sich ’über‘ der übrigen Menschheit zu bestätigen.“  (Simone de Beauvoir, ‚Das andere Geschlecht‘, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1968, S. 316).

Das verstehen die zornigen Protagonistinnen der Ekasdance Company wohl ganz anders. In ‚Balabala‘ blieben ihre Hände annähernd das ganze Stück über geschlossen, zu Fäusten geballt, als ginge es darum, das Böse schlechthin zu bannen. Die wenigen Augenblicke, in denen eine Hand sich öffnete, dienten nur dem Zweck, den Faustschlag der anderen aufzufangen. Ein Stück mit Faustschlagqualität! Ein szenisches Tourette.

Und wie schon häufig bei diesem Festival dominierte die Farbe blau: schwarz/blau waren die Garderoben, rot/blau das Lichtdesign. Irgendetwas mahnt mich bei dieser Produktion zur Vorsicht  im Hinblick auf das Hineinphantasieren  in Farben und von Farben in gewisse Erscheinungen. Das vielfache Zusammentreffen von blau und schwarz oder blau und rot auf der Bühne hat vielleicht nicht mehr zu bedeuten als das vielfache Zusammentreffen von Rot-und Blaukohl am Küchentisch. Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.
Meine Mutter sitzt am Küchentisch und schreibt mit einem Rotblau-Stift von Kores Briefe an ihre Kinder und Enkel. Auf höheren Befehl will sie es ihnen noch einmal ‚reinsagen‘. Auch eine zornige Frau! „Du bist ein Engel des Bösen und nicht des Lichts. Reiß dich zusammen!“, schrieb sie mir. Hatte ich sie etwa zu häufig im Kartenspiel besiegt?  „Ein Zorn, eine Auflehnung, die nicht in die Muskeln übergehen, bleiben imaginär.“ (ebd.: 316) Den jungen Frauen der Ekosdance Company blieb weder Zorn noch Auflehnung imaginär. Sie sagten es uns rein mit geballten Fäusten und aufstampfenden Füßen, als stellten die Fäuste und Füße Bomben und Granaten dar. Da durfte man sich auch von der mitunter freundlich Musik nicht täuschen lassen. Diese erwiderten sie mit entschlossen grimmigem Blick.

Am Ende legte Eko Supriyanto mit seiner Ekosdance Company eine Ehrenrunde nach der anderen ein. Aber es blieb nicht nur bei Selbstbegeisterung. Selbst eingangs genannte nörgelnde Dame ließ sich von der allgemeinen Begeisterung mitreißen. Im Verlassen des Saals gestand mir Hans Lindenbaum, der noch bei keiner Aufführung fehlte: „Bei der diesjährigen Szene wird man als Mann mit jedem Stück stückweise desavouiert.“

Nach der Vorstellung „machte ich einen Umweg und ging […] essen, in den Sternbräugarten hinein auf ein Bier, Wurst und Brot.“ (Thomas Bernhard, ‚Der Keller. Eine Entziehung‘, München: dtv 1979, S. 118) Unter dem Einfluss von Bier und  Wurst und Brot tippte (rheinisch: kloppte) ich meine ersten Eindrücke zu ‚Balabala‘ in meinen Laptop. Als ich mich anschickte zu zahlen, wendete sich ein rühriger Herr vom Stammtisch her an mich: „Hobns oba eh nit mitgschriebn, wos wir do jetzt gred hobn?“ „Zum Glück leb ma in Österreich, wo ma wegen so wos net onklogt werden kann“, ergänzte ein zweiter. Anstatt einer Antwort verteilte ich Szene-Programme mit Hinweis auf mein Konterfei. Prompt wurde ich von der Stammtischrunde auf vier Bier eingeladen; quasi nach Herbert Achternbusch‘ Empfehlung: „Das Tier trinkt ein Bier, der Mensch trinkt vier.“ Oder waren es ihrer sechs?

Am Nachhauseweg läutete ich noch an einer Tür. „’Nein‘, sagte die Frau und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Er bleibt mit hängenden Armen auf dem Treppenabsatz stehen, mit der bedrückten Miene, die er stets annimmt, wenn er nicht mehr einschüchtern kann.“ (Jean Paul Sartre, ‚Der Pfahl im Fleische‘, Hamburg: Rowohlt 1972, S. 173)