Mi 13. Juni 19.00 Uhr, SEAD

Erstmals suchte ich vergeblich meinen Schirm, den ich im Eingangsbereich geparkt hatte, denn die erste Performance wurde ‚in case of rain‘ angekündigt und das Wetter hielt sich an diese Programmanweisung. Heller Holzgriff mit dunkelblauem Dach: wie gesagt, Blau frisst sich durchs gesamte Festival. Ich folgte der Spur des Schirms und befand mich plötzlich mitten im 8minüter von Máte Horváth, als er sich gerade handständig über eine zweistufige Treppe stürzte. Unter meinem Schirm ertappte ich Susan Quinn. Unter dem Vorwand, ihr den Schirm zu halten, brachte ich ihn wieder an mich. „Wer im Schirm des Höchsten wohnt, / Wird unter dem Schatten des Allmächtigen Herberge finden.“ (Psalm XCI, 1) Also ließ ich von meinem Schirm den gesamten Abend nicht ab. Susan Quinn hatte naturgemäß den Eindruck, ICH hätte IHR den Schirm geklaut und mit dem Trickangebot, sie zu beschirmen, an mich gebracht. So beäugte sie ihn in jeder Performance, in der wir uns begegneten, scheel. Bei allen Performances saß ich in der ersten Reihe. Berufskrankheit!

 

Als mein erwachsener Sohn das ‚International Food & BBQ‘-Buffet in der Cafeteria sah, wurde er unweigerlich an die ‚Kleine Raupe Nimmersatt‘ erinnert. Also fraßen wir uns zuerst durch das Buffet, das u. a. von Lou Couton ausgezeichnet performt wurde, schließlich fraßen wir uns durch das ganze Haus.

Nach +180min waren wir „nicht mehr hungrig, [wir] waren richtig satt. Und [wir waren] auch nicht mehr klein, [wir waren] groß und dick geworden […]“ und am Ende waren wir zwei wunderschöne Schmetterlinge geworden. (Eric Carle, ‚Die kleine Raupe Nimmersatt‘, Hildesheim: Gerstenberg Verlag 1986, S. 23ff.)

 

Ein Stück in Fragen und Antworten könnte man ‚100 invasions … bodies matter‘ nennen. Jede Einzelperformance versuchte eine Antwort auf eine im Programmtext gestellte Frage zu geben. Auch meine Lieblingsstellung ist die Fragestellung. „Aber warum nicht den Fragespieß umdrehen?“, dachte ich mir. Etwa unter dem Titel ‚100 SEAT- invasions … bodies suchen Fragen auf Antworten, die nie gegeben wurden‘. Oder: ‚SEAT listet Antworten und sucht vermittels Tanzstücken, kurzen Showings, performativen Interventionen, Konzerten des hauseigenen Chors, raumgreifenden Installationen und Überraschungs-Acts passende oder auch unpassende Fragen.‘ Unter dieser Methode verwandelte sich die Frage „Hängt die Wirkung von Fragen unmittelbar davon ab, wonach und wie gefragt wird?“ in „Welche Wirkung hätten Antworten, nach denen nie gefragt wurde?“ Den gesamten Abend lang beschworen die 100 SEAT- invasions … bodies den Geist Merce Cunninghams, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Dazu bedienten sie sich der Methoden des ausgezeichneten Allan Kardecs, eines berühmten Geistermediums, das seit 1869 auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise begraben liegt. „Ihr müsst frei und offen zu Werke gehen, mit Deutlichkeit, Bestimmtheit und ohne Hintergedanken“, rät Kardec in seinem ‚Buch der Geister / Buch der Medien‘. „Wenn ihr euch nicht deutlich erklären wollt, enthaltet euch lieber der Frage.“

Merce Cunningham verstand sich eher auf Fragen als auf Antworten, bzw. bezweifelte er die Frage schon, bevor überhaupt eine Antwort gegeben werden konnte. „Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen.“  (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus‘, in: ‚Philosophischen Untersuchungen‘, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 26)

 

In der nächsten Performance, die Cunningham gewidmet war, erwartete uns eine Venus im Pelz mit Biss. Wie ein wildes Tier griff sie sich vom Tanzboden einen nach dem anderen der Pelze ihrer Mitperformer_innen mit den Zähnen und warf sie um sich. „Äußerlich am auffälligsten waren die Wutanfälle bei den geringsten Anlässen, die sich in krampfartigen Zuckungen an Armen und Beinen äußerten sowie in einem Sichverbeißen in etwas, das gerade am Boden lag (Teppiche oder dergleichen).“ (Wilhelm Lange-Eichbaum, ‚Hitler‘ in: ‚Genie, Irrsinn und Ruhm‘, München: Ernst Reinhard Verlag 1956, S. 317) Die Venus im Pelz mit Biss trug ein Pflaster am Knie, als wäre sie selbst gebissen worden. Gewiss bringt man auch in diesem Jahr eine neue Nuance in die Pelzmode. Im Laufe des Abends zählte ich gleich mehrere Wundpflaster, als wären sie ein geheimes Erkennungszeichen. Am Ende werde ich alle eingesammelt und aus ihnen die offizielle SEAD-Fahne gebastelt haben. Aber nicht allein das Zeichen des Wundpflasters einte die Protagonist_innen des Abends. „Als er meinen nackten Körper sah, fand er ihn so vollkommen, dass er alle seine Skizzen vernichtete – und ich verließ ihn, beglückt von seiner Freundschaft.“ (Waslaw Nijinskij, ‚Der Clown Gottes, München: Schirmer Mosel 1985, S. 132) Beglückt und erschöpft verließen weit jenseits der Mitternacht 100 invasions … bodies das SEAT.