Sa 16. Juni 21.00 Uhr, republic
Charles Darwin träumte von „Gruppen alter schottischer Kiefern auf der Anhöhe entlegener Hügel, […], die sehr häufig von zwei oder drei Arten von insektenfressenden Vogelarten besucht wurden.“ (Charles Darwin, ‚Die Entstehung der Arten‘, Stuttgart: Reclam 1984, S. 111)
Immanuel Kant träumte von „himmelansteigenden Gebirgsmassen, tiefen Schlünden und darin tobenden Gewässern, tiefbeschatteten, zum schwermütigen Nachdenken einladendenen Einöden usw.“ (Immanuel Kant, ‚Kritik der Urteilskraft‘, Stuttgart: Reclam 1981, S. 174f)
Und Gérald Kurdian träumte am 16. 6.2018 diesseits und jenseits der Mitternacht von Farnen und Nacktschnecken usw.
Schon lange vor diesen Träumen hatte ich mich mit reichlich mit Alkohol eingedeckt, um am Vorplatz des republic ein kleines Nebengeschäft, getarnt als Gegenveranstaltung, abzuhalten. Immerhin firmierten sowohl Kurdians Stück als auch sein Queer Ball bis früh in die Morgenstunden unter den Vorzeichen Widerstand, Subkultur und Aktivismus. Ich nannte mein sublegales Alkoholdepot ‚Bloomsday‘, nach dem 16. Juni des Jahres 1906, an dem Leopold Bloom aus dem Haus ging und erst 1015 engbeschriebene Buchseiten später – gemäß der deutschen Taschenbusgabe des ‚Ulysses‘ – wieder zurückkehrte.
Die Darstellung der Polizei zur Lage war ungewöhnlich deutlich: mein Alkoholdepot ‚Bloomsday‘ stellte, sobald ich es geöffnet hätte, einen zentralen Aufenthaltsort der Trinkerszene Salzburgs dar. Immer, wenn die Polizei patroullierte, hätte ich aus dem Buch ‚Ulysses‘ vorgelesen, um die Aktion als Kunstaktion der Sommerszene zu tarnen. „Trinker, trinkend, lachten prustend, ihr Getränk gegen ihren Atem. […] Gemeines Rot: Spaß für Besoffene: brüllendes Gelächter und Staub.“ (James Joyce, ‚Ulysses‘, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981, S. 235). Inzwischen befände sich das sehr zerlesene Buch als Beweisstück 1 in der Reservatenkammer im Gebäude der Landespolizeidirektion in der Alpenstraße 90. „Mensch, was haben wir da alles aufgefahren: Portwein und Sherry, Curaçao und Bier, und allem wurde reichlichst zugesprochen.“ (ebd.: S. 325). „In der Spitze hielten sich dort bis zu siebzig Personen auf“, so der Polizeichef. Mit zunehmendem Alkoholkonsum wäre es vermehrt zu Köperverletzungen gekommen und die Rückseite des ‚Bloomsday‘ zu einer riesigen Toiletteanlage verkommen. „Männergerüche. Bespucktes Sägemehl, süßlicher flaulauer Zigarettenrauch, Tabakmief, verschüttetes Bier, bierige Männerpisse, der schale Gestank von Gärung.“ (ebd.: S. 237). Bei meiner Einvernahme in der Landespolizeidirektion hätte ich mich mit der diensthabenden Polizeiwachtmeisterin flugs zum Essen vereinbart, worauf ihr der Fall wegen Befangenheit sofort entzogen worden wäre. „An den glatten vorstehenden Bierzapfhahn legte Lydia leicht die Hand, scheulos. […] Ganz in Mitleid verloren.“ (ebd.: S. 396). Ich hätte mich nie der Polizeiwachtmeisterin mit einem solchen Antrag genähert, gab ich zu Protokoll, geschweige denn hätte Frau Polizeiwachtmeisterin einen solchen angenommen, allein schon deshalb nicht, weil ich solchen nie gestellt. Ich begründete diese meine Rede damit, dass ich mich immer an die Warnungen meiner hochbetagten Mutter hielte, mich nicht mit schlechten Frauen einzulassen. Flugs würden die nämlich in meinem Vorzimmer stehen und im Handumdrehen nackt sein. Auch meinen Nachbarinnen sollte ich tunlichst aus dem Weg gehen und sie nur, wenn es sich nicht vermeiden ließe, flüchtig grüßen und weiter. „Alle los zu ’ner Saufpartie, Arm in Arm, hollernd die Straße runter.“ (ebd.: S. 596)

Am Dienstag verlasse ich Salzburg wieder. „Dienstag – Rindstag – Stinkstag …“ Im Original: „Tuesday – Teugh-day – Tough-day…“ (Arthur Conan Doyle, ‚Heute dreimal ins Polarmeer gefallen‘, Hamburg: mareverlag 2015, S. 66). In Wien müsse ich mich aber regelmäßig bei der Polizeiinspektion Wien-Leopoldstadt melden, bis alle Umstände um das Alkoholdepot ‚Bloomsday‘ aufgeklärt wären.