Blog Deutschbauer

Julius Deutschbauer als Blogger

Julius Deutschbauer begeht die Sommerszene 2018 als eine Reise und betrachtet jedes Ereignis des Festivals – ob Pressekonferenz, Aufführung, Lecture Performance oder Party – als sein bevorzugtes Reiseziel. Über jede Performance oder auch Nicht Performance des Festivals schreibt er eine Kritik bzw. erstellt eine detektivische Reisebeschreibung, die hier nachzulesen ist.   Julius Deutschbauer, geboren 1961 […]

Julius Deutschbauer begeht die Sommerszene 2018 als eine Reise und betrachtet jedes Ereignis des Festivals – ob Pressekonferenz, Aufführung, Lecture Performance oder Party – als sein bevorzugtes Reiseziel. Über jede Performance oder auch Nicht Performance des Festivals schreibt er eine Kritik bzw. erstellt eine detektivische Reisebeschreibung, die hier nachzulesen ist.

 

Julius Deutschbauer, geboren 1961 in Klagenfurt, lebt als bildender und Plakatkünstler, Performer, Filmer und Autor in Wien. Performative Arbeiten u.a. im TQW, donaufestival, Sophiensaele Berlin, Kampnagel Hamburg, MUMOK, Sommerszene Salzburg (zuletzt 2016 mit dem Antirassismusvergnügungspark). Seit 1997 betreibt er die Bibliothek ungelesener Bücher (bibliothek-ungelesener-buecher.com). Mit seinen bildnerischen Arbeiten ist er in der Galerie Steinek, Wien und EBENSPERGER, Berlin/Salzburg vertreten.

Gérald Kurdian & Trk_x „HOT BODIES – STAND UP“ & „Queer Ball“

Sa 16. Juni 21.00 Uhr, republic Charles Darwin träumte von „Gruppen alter schottischer Kiefern auf der Anhöhe entlegener Hügel, […], die sehr häufig von zwei oder drei Arten von insektenfressenden Vogelarten besucht wurden.“ (Charles Darwin, ‚Die Entstehung der Arten‘, Stuttgart: Reclam 1984, S. 111) Immanuel Kant träumte von „himmelansteigenden Gebirgsmassen, tiefen Schlünden und darin tobenden […]

Sa 16. Juni 21.00 Uhr, republic
Charles Darwin träumte von „Gruppen alter schottischer Kiefern auf der Anhöhe entlegener Hügel, […], die sehr häufig von zwei oder drei Arten von insektenfressenden Vogelarten besucht wurden.“ (Charles Darwin, ‚Die Entstehung der Arten‘, Stuttgart: Reclam 1984, S. 111)
Immanuel Kant träumte von „himmelansteigenden Gebirgsmassen, tiefen Schlünden und darin tobenden Gewässern, tiefbeschatteten, zum schwermütigen Nachdenken einladendenen Einöden usw.“ (Immanuel Kant, ‚Kritik der Urteilskraft‘, Stuttgart: Reclam 1981, S. 174f)
Und Gérald Kurdian träumte am 16. 6.2018 diesseits und jenseits der Mitternacht von Farnen und Nacktschnecken usw.
Schon lange vor diesen Träumen hatte ich mich mit reichlich mit Alkohol eingedeckt, um am Vorplatz des republic ein kleines Nebengeschäft, getarnt als Gegenveranstaltung, abzuhalten. Immerhin firmierten sowohl Kurdians Stück als auch sein Queer Ball bis früh in die Morgenstunden unter den Vorzeichen Widerstand, Subkultur und Aktivismus. Ich nannte mein sublegales Alkoholdepot ‚Bloomsday‘, nach dem 16. Juni des Jahres 1906, an dem Leopold Bloom aus dem Haus ging und erst 1015 engbeschriebene Buchseiten später – gemäß der deutschen Taschenbusgabe des ‚Ulysses‘ – wieder zurückkehrte.
Die Darstellung der Polizei zur Lage war ungewöhnlich deutlich: mein Alkoholdepot ‚Bloomsday‘ stellte, sobald ich es geöffnet hätte, einen zentralen Aufenthaltsort der Trinkerszene Salzburgs dar. Immer, wenn die Polizei patroullierte, hätte ich aus dem Buch ‚Ulysses‘ vorgelesen, um die Aktion als Kunstaktion der Sommerszene zu tarnen. „Trinker, trinkend, lachten prustend, ihr Getränk gegen ihren Atem. […] Gemeines Rot: Spaß für Besoffene: brüllendes Gelächter und Staub.“ (James Joyce, ‚Ulysses‘, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981, S. 235). Inzwischen befände sich das sehr zerlesene Buch als Beweisstück 1 in der Reservatenkammer im Gebäude der Landespolizeidirektion in der Alpenstraße 90. „Mensch, was haben wir da alles aufgefahren: Portwein und Sherry, Curaçao und Bier, und allem wurde reichlichst zugesprochen.“ (ebd.: S. 325). „In der Spitze hielten sich dort bis zu siebzig Personen auf“, so der Polizeichef. Mit zunehmendem Alkoholkonsum wäre es vermehrt zu Köperverletzungen gekommen und die Rückseite des ‚Bloomsday‘ zu einer riesigen Toiletteanlage verkommen. „Männergerüche. Bespucktes Sägemehl, süßlicher flaulauer Zigarettenrauch, Tabakmief, verschüttetes Bier, bierige Männerpisse, der schale Gestank von Gärung.“ (ebd.: S. 237). Bei meiner Einvernahme in der Landespolizeidirektion hätte ich mich mit der diensthabenden Polizeiwachtmeisterin flugs zum Essen vereinbart, worauf ihr der Fall wegen Befangenheit sofort entzogen worden wäre. „An den glatten vorstehenden Bierzapfhahn legte Lydia leicht die Hand, scheulos. […] Ganz in Mitleid verloren.“ (ebd.: S. 396). Ich hätte mich nie der Polizeiwachtmeisterin mit einem solchen Antrag genähert, gab ich zu Protokoll, geschweige denn hätte Frau Polizeiwachtmeisterin einen solchen angenommen, allein schon deshalb nicht, weil ich solchen nie gestellt. Ich begründete diese meine Rede damit, dass ich mich immer an die Warnungen meiner hochbetagten Mutter hielte, mich nicht mit schlechten Frauen einzulassen. Flugs würden die nämlich in meinem Vorzimmer stehen und im Handumdrehen nackt sein. Auch meinen Nachbarinnen sollte ich tunlichst aus dem Weg gehen und sie nur, wenn es sich nicht vermeiden ließe, flüchtig grüßen und weiter. „Alle los zu ’ner Saufpartie, Arm in Arm, hollernd die Straße runter.“ (ebd.: S. 596)

Am Dienstag verlasse ich Salzburg wieder. „Dienstag – Rindstag – Stinkstag …“ Im Original: „Tuesday – Teugh-day – Tough-day…“ (Arthur Conan Doyle, ‚Heute dreimal ins Polarmeer gefallen‘, Hamburg: mareverlag 2015, S. 66). In Wien müsse ich mich aber regelmäßig bei der Polizeiinspektion Wien-Leopoldstadt melden, bis alle Umstände um das Alkoholdepot ‚Bloomsday‘ aufgeklärt wären.

Sarah Vanhee / CAMPO „Unforetold“

  Fr 15. Juni, 19.00 Uhr, ARGEkultur   Wo sind wir, wer ist in uns und wer spricht?1   Was könnte uns in der Nacht beunruhigen?2   Wie oder was bleiben wir, obwohl wir älter werden?3   Woran sterben wir?4   Wie bewegen wir uns?5   Zu wen oder was werden wir, wenn wir uns […]

 

Fr 15. Juni, 19.00 Uhr, ARGEkultur

 

Wo sind wir, wer ist in uns und wer spricht?1

 

Was könnte uns in der Nacht beunruhigen?2

 

Wie oder was bleiben wir, obwohl wir älter werden?3

 

Woran sterben wir?4

 

Wie bewegen wir uns?5

 

Zu wen oder was werden wir, wenn wir uns wie ein Tier bewegen?6

 

Wann fangen wir an, alles zu vergessen?7

 

Wann und womit gastierte die Belgierin Sarah Vanhee zum ersten Mal bei der Sommerszene?8

 

Wer steht in ihrer neuesten Produktion ‚Unforetold‘ auf der Bühne?9

 

Wozu sind die sieben stillen kleinen Wesen mit empfindlichen Sensoren ausgestattet?10

 

Worin sind die sieben kleinen Wesen gut? Welche Antworten erhalten sie?11

 

Sogar wo können sie sich verborgen halten?12

 

Wo überall findet man diese Wesen?13

 

In welcher Welt leben diese Wesen?14

 

Welche Art von Logik erschafft Sarah Vanhee in Zusammenarbeit mit sieben Kindern und in welcher Atmosphäre?15

 

Welche Haupteigenschaften zeichnet Sarah Vanhee aus?16

 

Was für einen Ort kreiert Sarah Vanhee in einer Welt, die von Statements, Statistiken und Abstimmungen beherrscht wird?17

 

Woraus speist sich die künstlerische Praxis Sarah Vanhees?18

 

Welcher Formate und Orte bedient sich Sarah Vanhee?19

 

***

 

Die Antworten auf obige Fragen ergaben den Programmtext zu ‚Unforetold‘; in Deutsch und Englisch nachzulesen in: Sommerszene 2018, ‚Programm & Information‘, Salzburg 2018, S. 15

 

1 „Wir sind in dieser Welt, und diese Welt ist in uns“, sagen sie.

2 Es ist Nacht, aber wir schlafen nicht.

3 Wir werden älter, aber wir bleiben immer genauso klein, wie wir waren.

4 Wir sterben nur dann, wenn wir nicht mehr weiter zählen können.

5 Wir bewegen uns wie Tiere.

6 Und wenn wir uns wie ein Tier bewegen, dann werden wir zu diesem Tier.

7 Und eines Tages erlischt dein Licht, und du fängst an, alles zu vergessen.

8 2016 gastierte die Belgierin Sarah Vanhee mit ihrem viel beachteten Solo Oblivion zum ersten Mal bei der Sommerszene.

9 In ihrer neuesten Produktion Unforetold stehen sieben kleine Wesen auf der Bühne.

10 Sie sind still, haben aber empfindliche Sensoren für all das, was nicht vorausgesagt wurde.

11 Sie sind gut darin, Fragen zu stellen, beschwören dadurch andere Wirklichkeiten herauf und erhalten Antworten in unbekannten Sprachen.

12 Sie können sich dort verborgen halten, wo jeder sie sehen kann.

13 Man findet diese Wesen in der Dunkelheit, in einem funkelnden, glitzernden, von Echos erfüllten Raum, in dem sie unentdeckt bleiben und in Sicherheit sind.

14 Wie in einer Welt ohne Zeit.

15 In einer Atmosphäre, die sich aus Fragen zusammensetzt, erschafft Sarah Vanhee in enger Zusammenarbeit mit sieben Kindern im Alter zwischen acht und elf Jahren mit Hilfe verbaler und nonverbaler Konversationen eine neue Logik, die sich noch nicht gänzlich vom Magischen gelöst hat.

16 Sie ist weder planmäßig noch strategisch, dafür ist sie außergewöhnlich, hingebungsvoll, hartnäckig.

17 In einer Welt, die von Statements, Statistiken und Abstimmungen beherrscht wird, kreiert Sarah Vanhee in Unforetold einen Ort, der für eine neue Art von Politik steht, eine Politik auf der Grundlage von Fiktion.

18 Die künstlerische Praxis Sarah Vanhees speist sich aus Performance, bildender Kunst, Film und Literatur.

19 Die Formate ihrer Arbeiten sind ebenso unterschiedlich wie die von ihr gewählten Orte der Kreation und Präsentation, etwa in einem Wohnzimmer, einem Gefängnis, während einer Geschäftsbesprechung oder im Park.

Georg Klüver-Pfandtner (empty) space – Vom Leben, der Verzweiflung

  Fr 15. Juni 18.00 Uhr, FÜNFZIGZWANZIG Von mir selbst enttäuscht, verfall‘ ich der Verzweiflung, vom Leben gar nicht zu reden. „Ich erreiche den dauernden Zusammenhalt meiner Kräfte nicht, ohne den jede wirkliche schöpferische Tätigkeit unmöglich ist.“ (Antonin Artaud, ‚Frühe Schriften‘, München: Matthes & Seitz 1983, S. 20) Wieder, wie jedes Jahr, wird Hans Lindenbaum […]

 

Fr 15. Juni 18.00 Uhr, FÜNFZIGZWANZIG

Von mir selbst enttäuscht, verfall‘ ich der Verzweiflung, vom Leben gar nicht zu reden. „Ich erreiche den dauernden Zusammenhalt meiner Kräfte nicht, ohne den jede wirkliche schöpferische Tätigkeit unmöglich ist.“ (Antonin Artaud, ‚Frühe Schriften‘, München: Matthes & Seitz 1983, S. 20) Wieder, wie jedes Jahr, wird Hans Lindenbaum den Sieg davontragen, und dabei war ich so knapp dran, ihn endlich zu schlagen. Ja, auch ich weiß, „dass die Läufer in einem Wettlauf alle laufen, aber nur e i n e r den Preis empfängt.“ (1. Korinther IX, 24) Nur um Handspanne, nein, um Haaresbreite, von denen ein jedes gezählt ist, wie es heißt, habe ich mich selbst aus dem Rennen, wer die meisten Stücke der Sommerszene 2018 – und zwar jedes bis zum Ende! – gesehen hat, gebracht, geworfen, gerollt. „Das gibt Abzüge, Julius!“, entfuhr es Angela Glechner, als sie mich vor der Zeit aus ‚(empty) space‘ kommen sah. „Was fehlt, kann unmöglich gezählt werden, und was krumm gemacht ist, kann nicht geradegemacht werden.“ (Prediger I, 15) Jetzt bin ich ausgezählt. Jetzt geh‘ ich krumm.

Dabei hätte sie doch wohl noch eine halbe Stunde warten können, die mit dem Rollkoffer im Café Tomaselli. Ein kleiner Kaffee noch, ein kleines Weizen! Aber nein, es ging mir um diese halbe Stunde, die ich ‚(empty) space – Vom Leben, der Verzweiflung‘ früher verließ. Jetzt verlässt mich die Verzweiflung nimmer. Ach, unbarmherziges Glück! Nun fühl‘ ich mich wie aus der Luft gegriffen, wie aus dem Boden gezogen.

Dabei war ‚(empty) space‘ so schön gearbeitet, so fein ziseliert. Das erste Stück bei der Sommerszene 2018, das ganz ohne Blau auskam, das den Satz „Blau ist aller Kulturen Lieblingsfarbe“ des unsäglichen Sagmeisters Lügen strafte. Und erst die Handarbeiten, von Laubsäge- über Federboa bis Strickarbeiten. Vom tiefroten Filz gar nicht zu reden. Jetzt wiederhole ich gar schon Redewendungen, in jedem Absatz die vom vorhergehenden. Ein Absatz geht einem anderen nach. Von Liebe gar nicht zu reden. „Ach, Tante Rosa konnte stricken, regelmäßig, straff und schnell. […] Jeden Monat durfte das Publikum ihre Strickkünste aufs Neue bewundern. Mal war es ein Kostüm, mal ein Kleid, selbst vor Hüten schreckte sie nicht zurück.“  (Max Blaeulich, ‚Unbarmherziges Glück‘, St. Pölten: Residenz 2014, S. 70) Selbiges gilt auch für Georg Klüver-Pfandtner, selbst vor Hüten schreckt er nicht zurück. Ach, Georg Klüver-Pfandtner, kannst du mir verzeihen? Sieh „darin bitte keine Arroganz, sondern das genaue Geständnis, die schmerzvolle Darstellung eines qualvollen Geisteszustands“. (Antonin Artaud, ‚Frühe Schriften‘, München: Matthes & Seitz 1983, S. 20) Ach Georg, werde ich je Manns genug sein, dir von Angesicht zu Angesicht meine Schwäche einzugestehen?

„Ein paar Jahre später wird das ‚Ach‘ aus den ‚Nächten des Ungewitters erklingen‘.“ (László F. Földényi,  Heinrich von Kleist / Im Netz der Wörter, Matthes & Seitz 1999, S. 17) Ach! Ach – –! Wär‘ ich jetzt nur im ‚(empty) space‘ des Jahres 2098, also längst schon tot. Aber, wie es so schön heißt, vor dem Tod ist nach dem Tod.

Marta Górnicka „Magnificat“

  Do 14. Juni  20.00 Uhr, republic Vor Vorstellungsbeginn telefonierte ich noch mit einer bilingualen Freundin, für die ich eine Karte für Gónickas ‚Magnifikat‘ reserviert hatte. Sie erklärte mir, sie sei außer Landes und klagte, ihr polnischer Gatte hätte mitten im schlesischen Wald eine nationalsozialistische Enklave gegründet. Gesichert durch eine Bürgerwehr, Kameras und vollautomatische Eisentore […]

 

Do 14. Juni  20.00 Uhr, republic

Vor Vorstellungsbeginn telefonierte ich noch mit einer bilingualen Freundin, für die ich eine Karte für Gónickas ‚Magnifikat‘ reserviert hatte. Sie erklärte mir, sie sei außer Landes und klagte, ihr polnischer Gatte hätte mitten im schlesischen Wald eine nationalsozialistische Enklave gegründet. Gesichert durch eine Bürgerwehr, Kameras und vollautomatische Eisentore würden dort bei Lagerfeuerstimmung und Bier – an Schweinefleisch fehlte es natürlich auch nicht – Pavel-Kukiz-Lieder gesungen, romantische Rockballaden des großen Führers der polnischen Stopptafelbewegung PIS, der eine Armee von Stopptafeln hinter sich herzöge. Eine dieser „Kurica – nie ptica. Polsza – nie zagranica. / Polej wódki, Grisza, / Zaraz oddasz strzał…“ singenden Stopptafeln wäre auch ihr Mann. „Den Daumen am braunem Gürtel, während der Finger am Abzug schmerzt…“ – „Polen statt Ausland! Wodka, Feld und Weizen. Wodka, Blut und Boden. Polen statt Ausland!“, übersetzte sie mir den Liedtext ins Telefon. Ihr ist nur noch übel. Während der Vorstellung dachte ich nur nach darüber nach, wie ich es denn anstellen könnte, diese Freundin so schnell wie möglich unbemerkt aus dieser Enklave, nähe Krakau, rauszubringen. Ich wünschte mir für ihre Entführung ein weißes Pferd. Nun stellte ich mir Mutanten von Maulwürfen vor in der nationalsozialistischen Enklave B-Tenczynek tief im schlesischen Wald, die meterhohe Maulwurfshügel aufwürfen; und der polnische Mann der Freundin schriebe, den Daumen am braunen Gürtel, einen internationalsozialistischen Maulwurfweitwerfwettbewerb aus. Ist er denn ein Riese, der zu viel Swift gelesen hat? Liest er? Immerhin ist er Vicebürgermeister der Enklave B-Tenczynek. Allein seine Frau weiß, dass es sich bei der Enklave B-Tenczynek um einen Garten der polnischen Moritz-Schreberbewegung handelt.

In der Vorstellung, im ‚Magnifikat‘ sozusagen, träumte mir dann, dass ich Arm in Arm mit polnischen Schrebergärtnern Kukiz-Lieder singend durch die Sümpfe der Enklave B-Tenczynek zöge. Mit dabei eine Fahne: ein weiß-rotes Stoppschild in Form einer Scheibe auf weiß-rotem Grundtuch. In der Mitte der weißen Scheibe des weiß-roten Stoppschilds in schwarzen Versalien das Wort STOP.

„Von Euripides ist uns ausdrücklich bezeugt, dass er in Einsamkeit und Verbitterung gelebt hat“, sagte bilingual – mit deutschem & englischem Übertitel – Marta Gónicka. Das dachte ich nachgerade auch von mir, während ich beeindruckt beobachtete, wie Gudrun Maier vom Künstlerkollektiv Rabtaldirndln vorm Einlass kunstfertigst einen Burritos Pollo Lollo small verzehrte, um gewappnet für das ‚Magnifikat‘ zu sein. Das war harte Arbeit! „Die Forderung, dass sich alle arbeitsfähigen Frauen nach dem Prinzip ‚gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘ in die Arbeitsfront einreihen, muss in möglichst kurzer Frist verwirklicht werden.“ (‚Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung‘, Essen: Neue Wege Verlag 1993, S. 353)

Alexander Zawadzki, der zweite Nachkriegspräsident und Staatsratsvorsitzende der Volkrepublik Polen (1952-64) erhob folgende Leitlinien zum Magnifikat für Künstler: „Der Künstler lebt nun einmal in dieser Periode. Er muss also einen Standpunkt haben, mit der Arbeit und dem Leben verbunden sein, zu den Problemen der Entwicklung Stellung nehmen, damit er in der Lage ist, die Erkenntnisse, Gefühle und gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen künstlerisch zu gestalten.“ (Alexander Zawadzki, „Über die Entwicklung einer volksverbundenen sozialistischen Nationalkultur‘, Warschau 1961, S. 21)

Diesem Grundsatz scheint die nachgeborene Künstlerin Gónicka und ihr 23stimmiger Chor mehr verpflichtet zu sein, als die Generationen von Künstler_innen, denen dieser Auftrag galt. „Der Chor in der Tragödie ist eng verbunden mit der Polis, dem Gesellschaftlichen und Politischen.“ (Nicole Haitzinger, ‚Resonanzen des Tragischen‘, Wien: Turia + Kant, S. 37) Mit deutlich hörbarem Atem Gottes (hebr.: ruach-ʼElohím) gab Marta Gónicka auf der Mittelstiege des Publikumsbereichs stehend, den Takt dazu an. Am Ende gab es stehende Ovationen für diese Sehende.

Julia Ostwald, Warm Up zu Marta Górnickas „Magnificat“

Do 14. Juni, 19.00 Uhr, Karvernen 1595 Bevor es in den Keller der Karvernen 1595 ging noch ein schneller Blick gegen den Himmel: „Schleierwolken oder Fischwolken, oder einfach nur Wolken, Wolken, Wolken, die sich im Abendrot föhnten.“ (Max Blaeulich, ‚Unbarmherziges Glück‘, St. Pölten: Residenz 2014, S. 70) Der ‚Warm Up‘ – Auftritt zu  Marta Gónickas […]

Do 14. Juni, 19.00 Uhr, Karvernen 1595

Bevor es in den Keller der Karvernen 1595 ging noch ein schneller Blick gegen den Himmel: „Schleierwolken oder Fischwolken, oder einfach nur Wolken, Wolken, Wolken, die sich im Abendrot föhnten.“ (Max Blaeulich, ‚Unbarmherziges Glück‘, St. Pölten: Residenz 2014, S. 70) Der ‚Warm Up‘ – Auftritt zu  Marta Gónickas ‚Magnificat‘ mit Julia Ostwald gestaltete sich selbst schon als ein „Erscheinungsauftritt […], wobei man bei Erscheinung hier nicht Chimäre, Schatten, Gespenst verstehen“ durfte. (Nicole Haitzinger, ‚Resonanzen des Tragischen‘, Wien: Turia + Kant, S. 158) Er war auch nicht tragisch, wie Erscheinungsauftritte, nach Haitzinger, gemeiniglich zu sein pflegen. „Erscheinungsauftritte“ kamen noch einige vor im 40minütigen Vortrag der Theaterwissenschaftlerin Ostwald.

Bei diesem ‚Warm Up‘ handelte es sich eindeutig um ein Präenactment, eine Art prophetische Vorausschau auf das unmittelbar darauffolgende ‚Magnifikat‘. „Denn Prophetie wurde niemals durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern Menschen redeten von Gott aus, wie sie von heiligem Geist getrieben wurden.“ (2. Petrus I, 21) Dieser Geist allerdings wurde in Folge gehörig ausgetrieben.

 

Einige Erscheinungsauftritte erfolgten einfach auf Mausklick. Sätze erschienen, meist Zitate von  Marta Gónickas bibelfester Hand. „Folglich wurde von [ihr] her der Rücken einer Hand gesandt, und ebendiese Schrift wurde aufgezeichnet. Und dies ist die Schrift, die aufgezeichnet wurde: MENẸ, MENẸ, TEKẸL und PARSỊN. (Daniel V, 24, 25) Und natürlich hatte auch die Heilige Jungfrau Maria ihren Erscheinungsauftritt, versehen mit einem blattgoldenen Heiligenschein, der stark mit dem goldfarbenen Schuhwerg von Nicole Haitzinger, deren Doktorantin Julia Ostwald ist, korrespondierte. Meinem Sohn fiel auf, dass Marias Gesichtszüge auffallende Ähnlichkeiten mit Wladimir Putin aufwiesen; man müsse sich nur Putin mit goldenem Heiligenschein vorstellen.

Dies kritzelte ich sämtlich mit einem rot/weißem Werbegeschenk des Wiener Arbeitnehmerinnen Förderungsfonds – waff in mein Notizbuch. Die Farben rot und weiß verfolgten das Publikum noch den ganzen Abend, sowohl im ‚warm up‘ als auch im ‚Magnifikat‘. Die polnischen Nationalfarben wurden später im Stück chorisch in den Staub gesungen. So stellte Julia Ostwald, den Thesen Haitzingers weiter folgend, Gónickas „Chor als Rythmuskörper“ vor. (Haitzinger, S. 40f)

 

Obgleich in den dunklen Tiefen der Karvernen 1595 angesiedelt, gestaltete sich das ‚warm up‘ alles andere als grau: vielmehr als „Scheibe von blassem Gelb“, als „ein Streifen von Purpur“, als „eine scharlachrote Quaste, […] von Goldfäden durchflochten“; als „Tropfen von weißem Licht“; als „eine Raupe zu einem grünen Ring zusammengerollt“; als „ein dünner Schleier weißen Wassers“; als „flache Strahlen von Weiß, Grün und Gelb“; als „rot und gelb flackernde und flammende Fasern […] allmählich verschmolzen die Fasern […] zu einer einzigen Weißglut“; als „Millionen Atome von sanftestem Blau […] und überall darunter lohte das Meer golden“; als „silberne Kette an der Oberfläche“ und so fort. (Virginia Woolf, ‚Die Wellen‘, Frankfurt am Main: Fischer 1994, S. 11ff)

 

Auf diese Weise aufgewärmt und eingestimmt ging’s ins ‚Magnifikat‘.

SEAD/BODHI PROJECT „100 invasions … bodies matter“

Mi 13. Juni 19.00 Uhr, SEAD Erstmals suchte ich vergeblich meinen Schirm, den ich im Eingangsbereich geparkt hatte, denn die erste Performance wurde ‚in case of rain‘ angekündigt und das Wetter hielt sich an diese Programmanweisung. Heller Holzgriff mit dunkelblauem Dach: wie gesagt, Blau frisst sich durchs gesamte Festival. Ich folgte der Spur des Schirms […]

Mi 13. Juni 19.00 Uhr, SEAD

Erstmals suchte ich vergeblich meinen Schirm, den ich im Eingangsbereich geparkt hatte, denn die erste Performance wurde ‚in case of rain‘ angekündigt und das Wetter hielt sich an diese Programmanweisung. Heller Holzgriff mit dunkelblauem Dach: wie gesagt, Blau frisst sich durchs gesamte Festival. Ich folgte der Spur des Schirms und befand mich plötzlich mitten im 8minüter von Máte Horváth, als er sich gerade handständig über eine zweistufige Treppe stürzte. Unter meinem Schirm ertappte ich Susan Quinn. Unter dem Vorwand, ihr den Schirm zu halten, brachte ich ihn wieder an mich. „Wer im Schirm des Höchsten wohnt, / Wird unter dem Schatten des Allmächtigen Herberge finden.“ (Psalm XCI, 1) Also ließ ich von meinem Schirm den gesamten Abend nicht ab. Susan Quinn hatte naturgemäß den Eindruck, ICH hätte IHR den Schirm geklaut und mit dem Trickangebot, sie zu beschirmen, an mich gebracht. So beäugte sie ihn in jeder Performance, in der wir uns begegneten, scheel. Bei allen Performances saß ich in der ersten Reihe. Berufskrankheit!

 

Als mein erwachsener Sohn das ‚International Food & BBQ‘-Buffet in der Cafeteria sah, wurde er unweigerlich an die ‚Kleine Raupe Nimmersatt‘ erinnert. Also fraßen wir uns zuerst durch das Buffet, das u. a. von Lou Couton ausgezeichnet performt wurde, schließlich fraßen wir uns durch das ganze Haus.

Nach +180min waren wir „nicht mehr hungrig, [wir] waren richtig satt. Und [wir waren] auch nicht mehr klein, [wir waren] groß und dick geworden […]“ und am Ende waren wir zwei wunderschöne Schmetterlinge geworden. (Eric Carle, ‚Die kleine Raupe Nimmersatt‘, Hildesheim: Gerstenberg Verlag 1986, S. 23ff.)

 

Ein Stück in Fragen und Antworten könnte man ‚100 invasions … bodies matter‘ nennen. Jede Einzelperformance versuchte eine Antwort auf eine im Programmtext gestellte Frage zu geben. Auch meine Lieblingsstellung ist die Fragestellung. „Aber warum nicht den Fragespieß umdrehen?“, dachte ich mir. Etwa unter dem Titel ‚100 SEAT- invasions … bodies suchen Fragen auf Antworten, die nie gegeben wurden‘. Oder: ‚SEAT listet Antworten und sucht vermittels Tanzstücken, kurzen Showings, performativen Interventionen, Konzerten des hauseigenen Chors, raumgreifenden Installationen und Überraschungs-Acts passende oder auch unpassende Fragen.‘ Unter dieser Methode verwandelte sich die Frage „Hängt die Wirkung von Fragen unmittelbar davon ab, wonach und wie gefragt wird?“ in „Welche Wirkung hätten Antworten, nach denen nie gefragt wurde?“ Den gesamten Abend lang beschworen die 100 SEAT- invasions … bodies den Geist Merce Cunninghams, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Dazu bedienten sie sich der Methoden des ausgezeichneten Allan Kardecs, eines berühmten Geistermediums, das seit 1869 auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise begraben liegt. „Ihr müsst frei und offen zu Werke gehen, mit Deutlichkeit, Bestimmtheit und ohne Hintergedanken“, rät Kardec in seinem ‚Buch der Geister / Buch der Medien‘. „Wenn ihr euch nicht deutlich erklären wollt, enthaltet euch lieber der Frage.“

Merce Cunningham verstand sich eher auf Fragen als auf Antworten, bzw. bezweifelte er die Frage schon, bevor überhaupt eine Antwort gegeben werden konnte. „Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen.“  (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus‘, in: ‚Philosophischen Untersuchungen‘, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 26)

 

In der nächsten Performance, die Cunningham gewidmet war, erwartete uns eine Venus im Pelz mit Biss. Wie ein wildes Tier griff sie sich vom Tanzboden einen nach dem anderen der Pelze ihrer Mitperformer_innen mit den Zähnen und warf sie um sich. „Äußerlich am auffälligsten waren die Wutanfälle bei den geringsten Anlässen, die sich in krampfartigen Zuckungen an Armen und Beinen äußerten sowie in einem Sichverbeißen in etwas, das gerade am Boden lag (Teppiche oder dergleichen).“ (Wilhelm Lange-Eichbaum, ‚Hitler‘ in: ‚Genie, Irrsinn und Ruhm‘, München: Ernst Reinhard Verlag 1956, S. 317) Die Venus im Pelz mit Biss trug ein Pflaster am Knie, als wäre sie selbst gebissen worden. Gewiss bringt man auch in diesem Jahr eine neue Nuance in die Pelzmode. Im Laufe des Abends zählte ich gleich mehrere Wundpflaster, als wären sie ein geheimes Erkennungszeichen. Am Ende werde ich alle eingesammelt und aus ihnen die offizielle SEAD-Fahne gebastelt haben. Aber nicht allein das Zeichen des Wundpflasters einte die Protagonist_innen des Abends. „Als er meinen nackten Körper sah, fand er ihn so vollkommen, dass er alle seine Skizzen vernichtete – und ich verließ ihn, beglückt von seiner Freundschaft.“ (Waslaw Nijinskij, ‚Der Clown Gottes, München: Schirmer Mosel 1985, S. 132) Beglückt und erschöpft verließen weit jenseits der Mitternacht 100 invasions … bodies das SEAT.

Eko Supriyanto / Ekosdance Company „Balabala“

Sa 9. Juni, 20.00 Uhr, republic Während der Vorstellung eine Frau hinter mir: „Da ist es ja voll heiß hier!“ „Haben die keine Klimaanlage?“ „Das ist ja wie in einer Sauna!“ „Das ist ja voll langweilig!“ „Wollen die, dass ich gehe?“ „Was ist denn das für eine Musik?“ „Soll ich gehen?“ Ich balle meine Fäuste […]

Sa 9. Juni, 20.00 Uhr, republic

Während der Vorstellung eine Frau hinter mir: „Da ist es ja voll heiß hier!“ „Haben die keine Klimaanlage?“ „Das ist ja wie in einer Sauna!“ „Das ist ja voll langweilig!“ „Wollen die, dass ich gehe?“ „Was ist denn das für eine Musik?“ „Soll ich gehen?“ Ich balle meine Fäuste und senke sie wieder in den Schoß. Ich machte eine Faust, bis man sie nicht mehr sah.

„Sehr oft betragen sich Männer auf eine Weise, bei der eine Betätigung der Gewalt durchaus möglich erscheint. An jeder Straßenecke sind Raufereien im Entstehen. Meist verlaufen sie im Sande“, schrieb Simone de Beauvoir 1949. „Es genügt dem Mann, in seinen Fäusten den Willen seiner Selbstbehauptung zu empfinden, damit er sich in seinem Herrentum anerkannt findet.“ Und an junge Frauen gewendet: „Viel deutlicher als in ihren ersten Jahren müssen sie darauf verzichten, sich über die gegebene Welt hinaus zu erheben, sich ’über‘ der übrigen Menschheit zu bestätigen.“  (Simone de Beauvoir, ‚Das andere Geschlecht‘, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1968, S. 316).

Das verstehen die zornigen Protagonistinnen der Ekasdance Company wohl ganz anders. In ‚Balabala‘ blieben ihre Hände annähernd das ganze Stück über geschlossen, zu Fäusten geballt, als ginge es darum, das Böse schlechthin zu bannen. Die wenigen Augenblicke, in denen eine Hand sich öffnete, dienten nur dem Zweck, den Faustschlag der anderen aufzufangen. Ein Stück mit Faustschlagqualität! Ein szenisches Tourette.

Und wie schon häufig bei diesem Festival dominierte die Farbe blau: schwarz/blau waren die Garderoben, rot/blau das Lichtdesign. Irgendetwas mahnt mich bei dieser Produktion zur Vorsicht  im Hinblick auf das Hineinphantasieren  in Farben und von Farben in gewisse Erscheinungen. Das vielfache Zusammentreffen von blau und schwarz oder blau und rot auf der Bühne hat vielleicht nicht mehr zu bedeuten als das vielfache Zusammentreffen von Rot-und Blaukohl am Küchentisch. Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.
Meine Mutter sitzt am Küchentisch und schreibt mit einem Rotblau-Stift von Kores Briefe an ihre Kinder und Enkel. Auf höheren Befehl will sie es ihnen noch einmal ‚reinsagen‘. Auch eine zornige Frau! „Du bist ein Engel des Bösen und nicht des Lichts. Reiß dich zusammen!“, schrieb sie mir. Hatte ich sie etwa zu häufig im Kartenspiel besiegt?  „Ein Zorn, eine Auflehnung, die nicht in die Muskeln übergehen, bleiben imaginär.“ (ebd.: 316) Den jungen Frauen der Ekosdance Company blieb weder Zorn noch Auflehnung imaginär. Sie sagten es uns rein mit geballten Fäusten und aufstampfenden Füßen, als stellten die Fäuste und Füße Bomben und Granaten dar. Da durfte man sich auch von der mitunter freundlich Musik nicht täuschen lassen. Diese erwiderten sie mit entschlossen grimmigem Blick.

Am Ende legte Eko Supriyanto mit seiner Ekosdance Company eine Ehrenrunde nach der anderen ein. Aber es blieb nicht nur bei Selbstbegeisterung. Selbst eingangs genannte nörgelnde Dame ließ sich von der allgemeinen Begeisterung mitreißen. Im Verlassen des Saals gestand mir Hans Lindenbaum, der noch bei keiner Aufführung fehlte: „Bei der diesjährigen Szene wird man als Mann mit jedem Stück stückweise desavouiert.“

Nach der Vorstellung „machte ich einen Umweg und ging […] essen, in den Sternbräugarten hinein auf ein Bier, Wurst und Brot.“ (Thomas Bernhard, ‚Der Keller. Eine Entziehung‘, München: dtv 1979, S. 118) Unter dem Einfluss von Bier und  Wurst und Brot tippte (rheinisch: kloppte) ich meine ersten Eindrücke zu ‚Balabala‘ in meinen Laptop. Als ich mich anschickte zu zahlen, wendete sich ein rühriger Herr vom Stammtisch her an mich: „Hobns oba eh nit mitgschriebn, wos wir do jetzt gred hobn?“ „Zum Glück leb ma in Österreich, wo ma wegen so wos net onklogt werden kann“, ergänzte ein zweiter. Anstatt einer Antwort verteilte ich Szene-Programme mit Hinweis auf mein Konterfei. Prompt wurde ich von der Stammtischrunde auf vier Bier eingeladen; quasi nach Herbert Achternbusch‘ Empfehlung: „Das Tier trinkt ein Bier, der Mensch trinkt vier.“ Oder waren es ihrer sechs?

Am Nachhauseweg läutete ich noch an einer Tür. „’Nein‘, sagte die Frau und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Er bleibt mit hängenden Armen auf dem Treppenabsatz stehen, mit der bedrückten Miene, die er stets annimmt, wenn er nicht mehr einschüchtern kann.“ (Jean Paul Sartre, ‚Der Pfahl im Fleische‘, Hamburg: Rowohlt 1972, S. 173)

Laia Fabre & Thomas Kasebacher „Houseparty – Episode 1 & 2“

Mo 11. Juni,  20.00 Uhr, ARGEkultur In ‚Hausparty –  Episode 1‘ beziehen sich Fabre & Kasebacher offensichtlich auf Oswald Wieners Pfannen-Theorie. „Das ɳ-Ende von t ist ein steil schräg liegender Schatten oder Saum, der auf unkenntliche Art mit einem Hemmnis halbrechts unten außerhalb der Pfanne verbunden ist.“ (Oswald Wiener, in: ‚Selbstbeobachtung, Oswald Wieners Denkpsychologie‘, Hrsg. […]

Mo 11. Juni,  20.00 Uhr, ARGEkultur

In ‚Hausparty –  Episode 1‘ beziehen sich Fabre & Kasebacher offensichtlich auf Oswald Wieners Pfannen-Theorie. „Das ɳ-Ende von t ist ein steil schräg liegender Schatten oder Saum, der auf unkenntliche Art mit einem Hemmnis halbrechts unten außerhalb der Pfanne verbunden ist.“ (Oswald Wiener, in: ‚Selbstbeobachtung, Oswald Wieners Denkpsychologie‘, Hrsg. T. Eder, T. Raab, Berlin: Suhrkamp 2015, S.120) „So gelangen temporär etwa auch erinnerte oder phantasierte Eindrücke von Mimik und Gestik in die Pfanne, aber auch gestische Entsprechungen.“ In dieser Pfanne hier könnte man „den Sachverhalt der ‚Enge des Bewusstseins‘ unter funktionalen Aspekten dargestellt“ sehen. (ebd. S. 270, 370, 489). Nur, mir fehlt der Wunsch, es besser wissen zu wollen. Ich bin beseelt von dem Wunsch, immer nichts wissen zu wollen, jedenfalls wenn ich Housepartys beiwohne, in denen ständig gelacht, zumindest gelächelt, allenfalls gegrinst wird, was alles auf das gleiche hinausläuft. Keinesgleichen geschieht. An üben ist gar nicht zu denken. Vielleicht üben und an nichts denken. Ich bekomme eine vage Ahnung. Das wird noch ein Vorspiel haben! Das habe ich doch nur im Spaß gesagt!

 

Fabre & Kasebacher verstehen ihr Geschäft um den Humor (ital.: umore) „sowohl in dem materiellen Sinn von flüssigem Körper, Flüssigkeit, Feuchtigkeit oder Dampf als auch im Sinne von Phantasie, Laune oder Energie.“ (Luigi Pirandello, ‚Der Humor‘, Mindelheim: Sachon 1986, S. 8) Ob finstere oder fröhliche Laune, um Laune handelte es sich in jedem Fall. Fabre & Kasebacher treiben die rhetorische Figur des Umore auf die Spitze. „Rhetorik und Nachahmung sind im Grunde das gleiche.“ (ebd.: S. 47) In dieser Hinsicht ist das Stück nicht lediglich ein Reenactment einer britischen Fernsehshow der 60iger bis 90igerjahre, sondern steht unter dem Gesichtspunkt der Zweideutigkeiten und fröhlichen Missverständnisse auf zweiter Stufe als Spiegel da. Der Betrachter im Publikum erkennt in diesem sein Gesicht.

 

Fabre & Kasebacher,  Deborah Hazler und Gäste parodierten hier nicht nur den fremden Stil einer britischen Fernsehshow ‚Houseparty‘, sondern das Fremde an sich, bzw. das Fremde im Vertrauten. So bewegten sie sich durch die fast einem jeden vertraute Gestik und Mimik der Fernsehsprache wie durch ein Fremdwörterbuch. Die diesem entlehnten ‚Worte‘ führten sie wiederum in den gespielten Alltag ein usf. Das galt auch für die Speisefolge, die dem Publikum eingeführt wurde. „Du bleibst jetzt bis zum Schluss und isst alles auf“, ermahnte mich meine Sitznachbarin zu meiner Rechten. „Das Licht bleibt an, die Romantik bleibt aus“, flüsterte mir die zu meiner Linken ins Ohr. ‚Viel entlehnt, viel gelernt‘, könnte man leicht zum Motto dieser speziellen Form eines Reenactments erheben.

 

Und als endlich DJane Ornella Falko auflegte, war ich – das Werk eines einzelnen Mannes – beinahe geneigt, die Bühne zu stürmen, aber Martina Mühlfellner und Sarah Maria Kretschmer, zwischen deren Schenkeln eingeklemmt ich saß, drückten mich in meinen Sitz zurück, und das so rüde, dass ich den Eindruck hatte, mein frisch operierter Nabelbruch sei reaktiviert, ein sogenanntes Nabel-Reenactment. Wohin soll mein Herz sich nun wenden: nabel- oder kopfwärts? „Nabelschnüre besitzen die Macht, Staaten wachsen zu lassen“, tönte es aus Salman Rushdies ‚Satanischen Versen‘. Ob das auch für Stücke galt? „Sie hatte keinen Nabel. Schau. Bauch ohne Fell, schwanger schwellend, ein Rundschild aus strammem Velin, nein, weißgehäuftes Korn, aufstrahlend und unsterblich, dauernd von Ewigkeit zu Ewigkeit“, antwortete James Joyce aus seinem ‚Ulysses‘.

Schon entwickelte ich eine neue Art zu grinsen. Ich konnte beobachten, wie mein Bewusstsein und meine Einbildungskraft langsam in meinen Nabel hinab sanken und dort einsickerten. Allmählich begann ich zu verblöden, sodass ich mich und mein Urteil auf keine Weise und in keiner Hinsicht mehr ernstnehmen konnte. Ich bettete mein Haupt auf Martina Mühlfellners Schoß „und begann zu träumen, und siehe, da war eine Leiter auf die Erde gestellt, und ihre Spitze reichte an die Himmel; und siehe,“  Laia Fabre, Thomas Kasebacher und Deborah Hazler, Ornella Schlechmair und María Jesé Robles „stiegen daran auf und nieder.“ (Genesis XXXVIII 12) Schließlich sprach ich zu meinen Sitznachbarinnen zu meiner Rechten und zu meiner Linken: „‚Lasst mich doch die Säulen betasten, auf denen das Haus steht, und mich an sie lehnen.‘ Damit stemmte [ich mich] gegen die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus fest stand, und fasste sie an, die eine mit [meiner] rechten und die andere mit [meiner] linken Hand. […] Dann beugte [ich mich] mit Kraft, und so fiel das Haus.“ (Richter XVI, 26 – 30)

Als ich schließlich in der Dopplerklinik erwachte, zierte ein dicker Verband meine Mitte. Am Abend habe ich Freigang. Vom Nabel- bis zum Ehebruch ist’s nur ein Katzensprung. „Für einen Seitensprung ist’s nie zu spät“, sagt die Katze und springt. Springt nicht. Sie macht sich an die Nabelschnüre ihrer frisch geworfenen Jungen und frisst sie samt den Plazenten.

Stan’s Café „Of All The People In All The World“

Fr 8. Juni, 18.00, Kollegienkirche „Zuerst macht man also eine Maische. / Ja hätt ich das beim Wünschen schon gewusst! /  Es geht auch mit Kartoffeln, Weizen, Mais und Reis eh. / Na gut, hätt ich mich erst wieder schwer entscheiden gemusst. / Reisbier ist hell und leicht und taugt sehr zum Genuss. / Dann […]

Fr 8. Juni, 18.00, Kollegienkirche

„Zuerst macht man also eine Maische. / Ja hätt ich das beim Wünschen schon gewusst! /  Es geht auch mit Kartoffeln, Weizen, Mais und Reis eh. / Na gut, hätt ich mich erst wieder schwer entscheiden gemusst. / Reisbier ist hell und leicht und taugt sehr zum Genuss. / Dann mach ich Reisbier. Hier ist sicher Reisland…“ (Ann Cotten, ‚Verbannt‘, Berlin: Suhrkamp 2016,  S. 37)

In der Behauptung ‚Of All The People In All The World’ fühlt man sich an biblische Szenen erinnert. Und das in der Kollegienkirche!

„Ein weiteres Gleichnis legte er ihnen vor, indem er sprach: „Das Königreich der Himmel ist einem Senfkorn gleich, das ein Mensch nahm und auf sein Feld pflanzte; dieses ist tatsächlich die winzigste von allen Samenarten, doch wenn es gewachsen ist, ist es das größte der Gartengewächse und wird ein Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und sich in seinen Zweigen niederlassen können.“ ( Matthäus XIII, 31, 32)

Reis statt Senfkorn, Rispe statt Baum. Was haben die Reisrispe und Immanuel Kant gemeinsam? Die Körpergröße. Auch Gott lässt keinen Kalauer aus. Wäre die Reisrispe nur drei Zentimeter größer, käme Kant zu kurz. Bin doch immer wieder erstaunt, dass mir der vermeintlich guten Pointe wegen keine Polemik zu seicht ist. „Ich habe immer vom Witzemachen gelebt“, sagt der landstreichende Fassbinder in Thomas Bernhard ‚Frost‘. ‚Frost‘ lese ich in der Finsternis. Ich habe alles auswendig gelernt. „Zu den Mitteln der Erweiterung der Anthropologie gehört das Reisen“, schreibt Immanuel Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, „sei es auch nur das Lesen der Reisebeschreibungen. Man muss aber doch vorher zu Hause durch Umgang mit seinen Stadt- oder Landgenossen sich Menschenkenntnis erworben haben, wenn man wissen will, wonach man auswärts suchen soll.“

„Die Götter wohnten in den Ritzen der Welten“, sagt Epikur. Nach Mose, wohnt Gott in brennenden Reisfeldern. Ein jeder Besucher von ‚Of All The People In All The World’ also ein Gott? Jede Besucherin ein brennendes Reisfeld? „Was, du wohnst auch hier?“, fragte ich  Gott, als ich die Kollegienkirche wieder verließ. Aber sind die Rechte an seiner Heiligen Schrift nicht längst frei, immerhin ist er ja schon mehr als siebzig Jahre tot, oder hat Nietzsche sich geirrt?

Die Wörter und Sätze, die Sätze und Satzfolgen torkeln durch eine jede Mauerritze der heiligen Halle der Kollegienkirche, als wären sie im Rausch gezeugt. Als wäre ich im Rausch gezeugt, suche ich den Umgang mit einem jeden Reiskorn in jeder Mauerritze.

„Während sie noch miteinander beratschlagten, legte sie Gargantua samt dem Salat in eine Küchenschüssel, geradeso groß wie das Fass von Citeaux, tat Essig, Öl und Salz daran und fing an zu essen, um sich vor dem Abendbrot etwas zu erfrischen. Fünf von den Pilgern hatte er schon ins Maul gesteckt, nur der sechste war noch unter einem Salatblatt versteckt.“ (Franҫois Rabelais, Gargantua und Pantagruel, Frankfurt am Main: Insel Verlag 1974, S. 136f)

Wie den Pilgern mit dem Riesengeschlecht in Rabelais‘ Roman aus dem 16. Jahrhundert erging es auch den Besuchern der Installation ‚Of All The People In All The World’ am 8. Juni 2018.

Bei der Menge an Reis, die dort geboten wurde, muss die lichte Weite des Topfs, in dem die Besucher der Installation von der emsigen britischen Theatergruppe Stan’s Cafe am Eröffnungstag eingekocht wurden, mindestens den Durchmesser der Kollegienkirche gehabt haben. Tja, was Statistiken doch über die Welt alles zu erzählen vermögen!

Was ist das Verhältnis zwischen abstrakten Zahlen und konkreten Menschen? „Leben wir tatsächlich in postfaktischen Zeiten? Auf welchen Grundlagen basiert unser Handeln? Wie sollen wir wissen, woran wir eigentlich sind?“ Diesen, dem Programmtext entnommenen Fragen, muss ich jetzt wohl allein nachgehen. Ich hielt mich nämlich dezent unter einem Salatblatt versteckt.

Ganz schön cool, was die Truppe Stan’s Café mit ihrem tonnenschweren Risotto da geboten hat und bis 16.6. noch bieten wird, und das in der Coolegienkirche!

Ob sich der leicht gelbe Parboiledreis für ein statistisches Risotto tatsächlich eignet, sei dahingestellt. Daher empfehle ich für den 16., eine Paella – von der lateinischen Wurzel ‚patella‘ abgeleitet, was auch Kniescheibe heißt – anzurichten. Schuss ins Knie statt in die Pfanne? Die lichte Weite der Pfanne möchte ich mir gar nicht vorstellen müssen!

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