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Julius Deutschbauer als Blogger

Julius Deutschbauer begeht die Sommerszene 2018 als eine Reise und betrachtet jedes Ereignis des Festivals – ob Pressekonferenz, Aufführung, Lecture Performance oder Party – als sein bevorzugtes Reiseziel. Über jede Performance oder auch Nicht Performance des Festivals schreibt er eine Kritik bzw. erstellt eine detektivische Reisebeschreibung, die hier nachzulesen ist.   Julius Deutschbauer, geboren 1961 […]

Julius Deutschbauer begeht die Sommerszene 2018 als eine Reise und betrachtet jedes Ereignis des Festivals – ob Pressekonferenz, Aufführung, Lecture Performance oder Party – als sein bevorzugtes Reiseziel. Über jede Performance oder auch Nicht Performance des Festivals schreibt er eine Kritik bzw. erstellt eine detektivische Reisebeschreibung, die hier nachzulesen ist.

 

Julius Deutschbauer, geboren 1961 in Klagenfurt, lebt als bildender und Plakatkünstler, Performer, Filmer und Autor in Wien. Performative Arbeiten u.a. im TQW, donaufestival, Sophiensaele Berlin, Kampnagel Hamburg, MUMOK, Sommerszene Salzburg (zuletzt 2016 mit dem Antirassismusvergnügungspark). Seit 1997 betreibt er die Bibliothek ungelesener Bücher (bibliothek-ungelesener-buecher.com). Mit seinen bildnerischen Arbeiten ist er in der Galerie Steinek, Wien und EBENSPERGER, Berlin/Salzburg vertreten.

Good to know – Festivalpräsentation mit SZENE-Intendantin Angela Glechner

Dienstag, 08.05, 19:00, Kavernen 1595, Gstättengasse 27 – 29 Häufig hätte sie sich „überschlagen vor regen“, schreibt Sina Klein in ihrem Gedichtband narkotische kirschen, als wäre sie in Salzburg aufgewachsen. Auf Dienstag, den 8.5., traf diese Prognose glücklicherweise nicht zu. Kaiserwetter! „Es wird also bunt in Salzburg. Findest du / nicht, dass du ein bisschen […]

Dienstag, 08.05, 19:00, Kavernen 1595, Gstättengasse 27 – 29

Häufig hätte sie sich „überschlagen vor regen“, schreibt Sina Klein in ihrem Gedichtband narkotische kirschen, als wäre sie in Salzburg aufgewachsen. Auf Dienstag, den 8.5., traf diese Prognose glücklicherweise nicht zu. Kaiserwetter!

„Es wird also bunt in Salzburg. Findest du / nicht, dass du ein bisschen farblastig bist heutzutage? Bei Benn das dritte von vier Symptomen, anhand deren Sie selber in Zukunft entscheiden können, ob ein Gedicht von 1950 identisch mit der Zeit ist oder nicht.‘ (Gottfried Benn, Probleme der Lyrik  – Späte Reden und Vorträge, Stuttgart: Klett-Cotta 2011, S. 43)“, kommentiert sie meinen Bericht vom 25. 4. über die Pressekonferenz der Sommerszene und unterstellt mir zu glauben, „besonders üppig und phantasievoll zu wirken“, nur weil ich in meiner Beschreibung der Veranstaltung eine ganze Palette von Farben – von Signalrot über Matt- und Mausgrau bis hin zu Maisgelb – vorkommen ließ. „Hier aber übersieht der Autor, daß diese Farben ja reine Wortklischees sind, die besser beim Optiker und Augenarzt ihr Unterkommen finden.“ (ebd., S. 44f) Man merkt sofort, dass Benn seine ihm vom Autor persönlich zugeeignete Mein Kampf-Ausgabe gründlich gelesen haben muss. „Weiß ist keine mitreißende Farbe. Sie paßt für keusche Jungfrauenvereinigungen, aber nicht für umwälzende Bewegungen […] Endlich wirkt auch Schwarz nicht mitreißend genug.“ (Adolf Hitler, Mein Kampf, München: Zentralverlag der NSDAP, 670. Auflage 1942, S. 555)

Bei der Festivalpräsentation am 8. Mai kam nur Gold in Frage: Kartenverlosung mit goldenen Kugeln, die man nicht essen konnte, Professorin Nicole Haitzinger von der Tanzwissenschaft der Paris Lodron Universität Salzburg und ihre Doktorandinnen trugen goldene Pocahontas-Stiefel, Angela Glechner ein güldenfarbenes Kleid und Tobias Hammerle von gold extra schoss virtuell mit Goldkugeln. Ich versuchte mich indessen streng an Kants dezentrale Standpunktheorie zu halten: „Sonst betrachte ich den allgemeinen menschlichen Verstand bloß aus dem Standpunkte des meinigen; jetzt setzte ich mich in die Stelle einer fremden äußeren Vernunft, und beobachte meine Urteile samt ihren geheimsten Anlässen aus dem Gesichtspunkte anderer.“ (Immanuel Kant, Träume eines Geistersehers, Stuttgart: Reclam 1982, S. 49) Geradeso will ich‘s die  gesamte Sommerszene 2018 über halten. Oder wie es der Regisseur Wong Kar-Wal in einem Gespräch über seinen Film 2046 ausdrückt: „Veränderungen zeigt man nicht durch Veränderung, sondern indem man dasselbe aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.“ Ob mich Angela Glechner 2046 wohl immer noch programmieren wollen wird oder ich schon längst in den unverdienten Ruhestand getreten sein werde, sei dahingestellt?!

 

  1. s.: Am 8. Mai 1967 beging José Pardo Llada die Indiskretion, einen nicht an ihn gerichteten Brief Che Guevaras zu lesen, den er, sexuell gesehen, für extrem offen und „absolut pornographisch“ befand. Am 11. Mai 1968 beteiligen sich annähernd 50.000 Menschen am sogenannten Sternmarsch auf Bonn. Am 17. Mai 1968 plakatiert Günter Brus unter Verwendung der österreichischen Staatssymbole: „Der Staatskünstler Günter Brus betrachtet seinen Körper“. Für Körperbetrachtung steht auch die Sommerszene Salzburg vom 5. – 16. Juni 2018. Für den 17. Juni ist ein Sternmarsch auf Wien 1., Ballhausplatz geplant.

 

  1. p. s.: Und was bot das Buffet? Es stand unter dem Motto von Jonathan Swifts bescheidenem Vorschlag, wie man verhüten kann, daß die Kinder armer Leute in Irland ihren Eltern oder dem Lande zur Last fallen, und wie sie der Allgemeinheit nutzbar werden können (1729), in dem er versichert, „daß ein junges, gesundes, gutgenährtes einjähriges Kind eine sehr wohlschmeckende, nahrhafte und bekömmliche Speise ist, einerlei, ob man es dämpft, brät oder kocht, und ich zweifle nicht, dass es auch in einem Frikassee oder einem Ragout in gleicher Weise seinen Dienst tun wird.“ Good to know!

Pressegespräch zum Programm der Sommerszene 2018

Salzburg, Mittwoch, 25. 4. 2018, 10.00 Uhr: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts; einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit.“ (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Bd.1, Salzburg/Wien: Jung und Jung 2016, S. 9) Ich […]

Salzburg, Mittwoch, 25. 4. 2018, 10.00 Uhr: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts; einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit.“ (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Bd.1, Salzburg/Wien: Jung und Jung 2016, S. 9)
Ich betrat die Escobar am Anton-Neumayr-Platz, den Ort der Pressekonferenz der Sommerszene 2018, und rief: „Welches Wetter haben wir heute?“ – „Im Gasthaus ist es immer schön!“, tönte es vielstimmig zurück. „Zumindest seit ein neuer Pächter dieses Lokal übernommen hat“, dachte ich bei mir. Draußen knallte die Sonne vom Himmel; drinnen knallten die Sektkorken; nein, drinnen rauchten die Programmköpfe bei Kännchenkaffee – Was sagen so viele Doppelgänger in e i n e m Wort wohl über das Festival aus? – und Kuchen. Der Kuchen war marmoriert wie die barocken Säulen des Salzburger Doms und machte Krümel. Ich bewegte mich die ganze Zeit unter dem langen Tisch zwischen den Beinen der PodiumsteilnehmerInnen hin und her und nährte mich von den Krümeln, die unter den Tisch fielen, denn wie antwortete die eine kanaanäische Frau auf die barsche Abfuhr seitens Jesus Christus, der meinte: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ – „Da entgegnete sie: „Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotkrümeln, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ (Matthäus XV, 23, 27) „Jesus Friss Du’s!“, sagte ich mir und gab alle eingesammelten Krümel wieder von mir.
Und das Programm? Das kann sich sehen lassen, ließ sich sehen. Das Heft dazu halte ich immer noch fest zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und Daumen und Zeigefinger der linken Hand; gerade so wie es am Vorplatz des republic eine Zeugin Jehovas mit dem Wachtturm tat. Der frühen Stunde gemäß rief sie „Erwachet!“ Analog stellte ich mich mit dem Programmheft der Sommerszene 2018 neben sie und rief: „Das Reich Gottes lässt auf sich warten, das International Performing Arts Festival der Sommerszene kommt bestimmt!“ Nayana Keshava Bhat konnte sich nicht zurückhalten, einen Schnappschuss von dieser delikaten Situation zu schießen.
Bis zum 16. 6. gebe ich das Heft nun nicht mehr aus der Hand – Heft und Hand sind eins! – und werde auftragsgemäß über alles berichten, was im Programmheft angekündigt wird.
Das Heft kann sich sehen lassen: ganz in rot und gelb gehalten kratzt ein roter Pfeil die Kurve, ein gelber Pfeil penetriert den roten. Der Geruch: zwischen Fleiß und Industrie, kaum holzig, leicht moosig, im Abgang eine fein säuerliche Papiernote; Griffigkeit: gut.
In safrangelber Hose und blumiger Bluse – „Ein Paradiesgarten!“ nach Eigendefinition – stellte Angela Glechner das 14-gängige Programmmenü vor. Wahrlich, sie hält das Heft im Zeitungsformat fest in der Hand!
Angela Glechners gelbe Hose und die tiefrote Bluse von Nayana Keshava Bhat, die ihr Stück room of Inevitable End vorstellte, korrespondierten trefflichst mit dem rotgelben Cover Festivalzeitung, ganz im Gegensatz zum Moosgrün bzw. Mattblau der erstaunlich winterfesten Hemden von Tobias Hammerle und Karl Zechenter von gold exra, die ebenfalls am Podium saßen. Gerademal Hammerles breitkrempiger Strohhut zollte den sommerlichen Temperaturen Referenz. Ich selbst war in zartes Mausgrau gehüllt. Einzig mein signalroter Kugelschreiber machte mich als ausgewiesenen Szene-Korrespondenten kenntlich. Ich fühlte mich sichtlich wohl unter meiner temporären Kollegenschaft. Und diese konnte sich sehen lassen: allesamt ausgestattet mit einem Pressekoffer, angefüllt mit Pressematerial. Man war schon geneigt, von einer Pressekofferenz zu sprechen. Fragen gab es eine: „Fand das Festival jemals schon so früh im Jahr statt?“ – „Fußball Weltmeisterschaft ab 14. 6. und so“, war die Antwort. Na gut, die letzten drei Tage des Festivals werde ich nur noch über Fußball berichten: über Russland – Saudi Arabien statt über Georg Klüver-Pfandtners (empty) space – Vom Leben, der Verzweiflung am 14. 6., über Ägypten – Uruguay statt über Sarah Vanhees Unforetold am 15. 6., über Argentinien – Island statt über Deutschbauers letzte Episode von Heute dreimal in die Sommerszene gefallen am 16. 6.

p. s.: Kännchenkaffee und Marmorkuchen sind natürlich erstunken und erlogen. Niemals würde Angela Glechner zu ihrem mokkastarken Programm Kännchenkaffee reichen lassen. In Wahrheit gab es messerscharfe Spießchen und, passend zur sommerlich blumigen Bluse der Intendantin, Früchtecocktails – wahre Obstgärten! „Mit Champagner aufgespritzt, hätten sie auch was gehabt“, flüsterte Thierry Bruehl opernreif aus der Tasche.

p. p. s.: Auch an inneren Kontrasten fehlt es der Programmzeitung nicht. Auf Seite 16 zum Beispiel posiert Gérald Kurdian vor blauem, auf Seite 17 Julius Deutschbauer vor rotem Hintergrund. Das springt doch in den Blick!